Die Deutsch-Türkische Gesellschaft e.V. zu „60 Jahre Anwerbeabkommen“

Die Deutsch-Türkische Gesellschaft e.V. zu „60 Jahre Anwerbeabkommen“

Aus einem Vertrag wurde eine gemeinsame Geschichte

In Deutschland leben heute etwa drei Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln. Einige von ihnen kamen aufgrund des Anwerbeabkommens für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus der Türkei. Es wurde vor genau 60 Jahren, am 30. Oktober 1961, unterzeichnet. Bis heute stellt es einen zentralen Grundpfeiler des Deutsch-Türkischen Verhältnisses dar und symbolisiert immer noch den Startschuss einer Geschichte, deren Ausmaß damals wohl niemand erahnte. Im ersten Jahr kamen gerade einmal 18.000 Frauen und Männer aus der Türkei. Aus heutiger Sicht eine sehr kleine Zahl, viele von ihnen leben auch schon gar nicht mehr. Aber ihnen und ihrer Lebensleistung wird in diesen Tagen eine besondere Aufmerksamkeit zuteil.


Hinter jeder und jedem dieser 18.000 und allen darauf folgenden Gastarbeitern*Gastarbeiterinnen steckt die Geschichte einer mutigen Entscheidung. Wer Dokumente mit entsprechenden Erinnerungen liest, reibt sich doch erstaunt die Augen: Junge Frauen und Männer, die sich voller Neugier und Tatendrang in einen Zug setzten, niemanden der Mitreisenden kannten, um in ein fremdes, tausende Kilometer entferntes Land zu fahren. Und immer das Ziel vor Augen, Geld zu verdienen und die Daheimgebliebenen zu unterstützen. Für sie selbst war damit die Hoffnung auf ein besseres Leben nach ihrer Rückkehr in die Türkei verbunden. Für Deutschland war dieser Einsatz ein wichtiger Beitrag zum Wiederaufbau des Landes nach dem zweiten Weltkrieg. Wir wissen heute, dass sich die Geschichte vieler dieser sogenannten Gastarbeiter*innen über die Jahre völlig veränderte. Aus wenigen Jahren wurde oftmals ein ganzes Leben in Deutschland. Aber immer mit der Vorstellung: Irgendwann gehen wir doch noch zurück. Zuletzt hörte ich dies von einem 80-jährigen. Aber wie kann man gehen, wenn doch die Kinder und Enkel hier leben, hier verwurzelt sind und man nicht allein in der Türkei alt werden möchte. Manche konnten und können es sich leisten, im Alter hin- und her zu fahren – andere nicht.


Ihre ganz persönlichen Geschichten werden zu selten erzählt, zu selten gehört und vor allem zu selten gewürdigt. Das betrifft nicht nur Arbeitnehmer*innen aus der Türkei, sondern auch die vielen weiteren Gruppen von Einwanderinnen und Einwanderern, die über Jahrzehnte und Jahrhunderte nach Deutschland kamen. Dass insbesondere die Leistung der ersten Generation, die – gemeinsam mit ihren deutschen Kolleginnen und Kollegen – hier wirklich besonders hart gearbeitet hat, zu wenig gewürdigt und anerkannt wurde, muss auch bei diesem Jubiläum des Abkommens wieder erwähnt werden.


Dass diesen Menschen, viele von ihnen sind inzwischen bereits verstorben, nie die doppelte Staatsbürgerschaft oder eine politische Teilhabe in unserem Land ermöglicht wurde, tut weh. Über Jahrzehnte wurden immer wiederkehrende Chancen verpasst, das Einwanderungsland Deutschland auch zu einer echten Einwanderungsgesellschaft zu machen, die Teilhabe für die neu dazugewonnenen Bürger*innen ermöglicht. Ein Beispiel, das ich stets wiederhole, bringt diese Versäumnisse zum Ausdruck: Erst 2005, fünfzig Jahre (!) nach dem ersten Anwerbeabkommen Deutschlands, hat sich die Politik durchgerungen, Sprach- und Integrationskurse für Zuwandererinnen und Zuwanderer gesetzlich zu verankern. Gleichzeitig wurde gerade den einst Eingewanderten, die den ganzen Tag gearbeitet haben, vorgeworfen, dass sie nicht genug Deutsch sprechen würden.


Umso wichtiger ist es, bei diesen Versäumnissen, auch im Nachhinein ein Bild zu zeichnen, das deutlich macht: Zuwanderung gehört seit langer Zeit zu unserem Land und die Menschen, die gekommen sind, haben etwas geleistet – für sich selbst und für Deutschland. In der Entwicklung der letzten Jahrzehnte wurden Fehler gemacht und Erfolge erzielt. Es wurden unschöne Debatten geführt, Diskriminierung bekämpft, Ausgrenzung erlebt, Teilhabe ermöglicht. Diese Kultur der Rückschläge und Anerkennung kann in wenigen Jahren in einem Migrationsmuseum in Köln dargestellt werden. Dabei kann es gelingen, die unterschiedlichen Einwanderungswege aus vielen unterschiedlichen Ländern nach Deutschland für alle darzustellen. Dabei können aus Zahlen wieder Menschen, persönliche Schicksale und Lebenswege werden. Und es würde dazu beitragen, dass die individuellen Geschichten der Einwanderung nicht in Vergessenheit geraten.

21. Februar 2026
Konzert der Band „Anatolian Goes Jazz“
21. Februar 2026
Inhaftierung des DW-Türkçe-Reporters Alican Uludağ Wir nehmen die Inhaftierung des DW-Türkçe-Reporters Alican Uludağ mit großer Sorge zur Kenntnis. In einem demokratischen Rechtsstaat sind Meinungsfreiheit und Pressefreiheit grundlegende Prinzipien. Wenn kritische Tweets oder Berichterstattungen zur Inhaftierung von Journalisten führen, hat ein Staat diese Werte und Prinzipien offenkundig aufgegeben. Wir als Deutsch-Türkische Gesellschaft e.V. werden genau hinsehen, was mit Herrn Uluddağ nun passiert und erwarten, dass ein mögliches Verfahren gegen ihn nach allen Maßstäben der Rechtstaatlichkeit, transparent und fair geführt wird. Wir erklären uns solidarisch mit der Deutschen Welle und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weltweit. Die Pressefreiheit ist ein hohes Gut, das Journalistinnen und Journalisten schützen sollte. Inhaftierungen wie die von Herrn Uludağ sind gänzlich inakzeptabel und schaden den deutsch-türkischen Beziehungen.
13. November 2025
Am 25. Juni hat die Deutsch-Türkische Gesellschaft e.V. ins Haus für Poesie in Berlin eingeladen
Eine Frau und ein Mann posieren in einem Innenraum. Der Mann trägt Anzug und Krawatte. Die Frau trägt ein Kleid und hat eine Handtasche.
10. Juli 2025
Am 25. Juni hat die Deutsch-Türkische Gesellschaft e.V. ins Haus für Poesie in Berlin eingeladen
Plakat: Auszeichnung „Erfolgreichste Frau des Jahres“, mit Darstellungen von Frauen aus verschiedenen Bereichen.
10. Juli 2025
Unternehmerinnen-Preis hebt migrantische Erfolgsgeschichten hervor
Stadtbild mit einer türkischen Flagge, die von einem weißen Turm weht, Booten und Gebäuden.
19. März 2025
Die Deutsch-Türkische Gesellschaft e.V. verurteilt die Festnahme des Istanbuler Oberbürgermeisters, Ekrem Imamoglu und spricht ihm sowie seiner Partei der CHP ihre  volle Solidarität aus.
Ein Mann spricht an einem Rednerpult, zwei weitere Personen sitzen an einem Tisch vor einem Banner. Die Szene spielt sich in einem Raum ab.
28. November 2024
Am Mittwoch, den 27. November 2024, fand in den Räumen der Maecenata Stiftung in Berlin eine bemerkenswerte Vortragsveranstaltung statt, die an den Deutsch-Türkischen Freundschaftsvertrag von 1924 erinnerte. Dieser Vertrag war ein bedeutender Wendepunkt und markierte einen Neubeginn in den diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei.
Ein Mann präsentiert vor Publikum, im Hintergrund ein großes Fenster.
16. Juli 2024
Die Deutsch-Türkische Gesellschaft e.V. (DTG) veranstaltete ein Event zum Thema "Jüdisches Leben in der Türkei – autobiographische Erfahrungen". Moderiert wurde die Veranstaltung vom DTG-Präsidenten und SPD-Bundestagsabgeordneten Macit Karaahmetoğlu.
Ein Mann in blauem Hemd und Blazer steht in der Nähe einer Treppe.
24. April 2024
Der erdrutschartige Sieg der türkischen Opposition ist ein „Lebenszeichen der Demokratie“, schreibt Gastautor und SPD-Politiker Macit Karaahmetoğlu. Für Erdogan habe sich alles verändert.
Ein Mann im Anzug spricht an einem Tisch mit einer Frau, einem Mikrofon und Wasser.
7. November 2023
Analyse der Präsidentschaftswahlen 2023 in der Türkei - Wie steht es um die zukünftigen Beziehungen zwischen Europa und der Türkei?